Erbschaftssteuer Praxisfälle I

Erbschaftssteuer Praxisfälle I

Jeder, der der deutschen Einkommensteuer unterliegt, muss Erbschaftssteuer zahlen, wenn es zu einer Vermögensübertragung durch Erbschaft oder Schenkung kommt. Grundlage hierfür ist das Erbschafts- und Schenkungssteuerrecht. Es wurde festgehalten, dass es diverse Erbschaftssteuerfreibeträge gibt. Wenn diese größer als die Erbschaft sind, ist das Erbe steuerfrei. Dabei richtet sich der Erbschaftssteuerfreibetrag nach dem Verwandtschaftsverhältnis und reicht von EUR 20.000,00 bis EUR 500.000,00. Zu diesen recht komplizierten Theorien aus dem Erbschafts- und Schenkungssteuerrecht sollen nun im Folgenden ein paar Praxisbeispiele aufgezeigt werden, damit jeder in der Lage ist, sich eine Vorstellung darüber zu machen, ob er Erbschafts- oder Schenkungssteuer zahlen muss.

 

Grundlegende Annahmen:

Eine Familie bestehend aus Mann (59), Frau (55), Sohn (20) und Tochter (25)

Es gilt die gesetzliche Erbfolge ohne testamentarische Regelungen.

 

 

Fall 1

Die Familie lebt in bescheidenen finanziellen Verhältnissen. Der Mann war zeitlebens nur geringfügig beschäftigt mit vielen Phasen der Arbeitslosigkeit. Die Frau ist Hausfrau und Mutter zweiter Kinder und hat nicht gearbeitet. Die Kinder sind bereits aus dem Haus und stehen auf eigenen Beinen. Der Mann ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Aufgrund der bescheidenen finanziellen Verhältnisse konnte kein nennenswertes Vermögen aufgebaut werden. Die Frau verfügt über ein Sparkonto über EUR 5.000 und der verstorbene Mann konnte EUR 15.000 sparen.

 

Es handelt sich hierbei um ein Familienvermögen in Höhe von EUR 20.000,00. Interessant ist jedoch nur das Sparvermögen des Mannes. Dieser hat EUR 15.000,00, welche vererbt werden müssen. Unter Berücksichtigung der gesetzlichen Erfolge ist die Ehefrau mit 50% erbberechtigt und die beiden Kinder bekommen die anderen 50%, welche auf die beiden Kinder aufgeteilt werden müssen. Somit Erhält die Frau eine Erbquote von 50%, der Sohn 25% und die Tochter 25%. Das sind EUR 7.500 für die Frau, und EUR 3.750 für den Sohn und weitere EUR 3.750 für die Tochter. Da noch nicht einmal der geringste Erbschaftssteuerfreibetrag in Höhe von EUR 20.000 überschritten wird, ist das Erbe für alle beteiligten steuerfrei. Theoretisch hätte die Ehefrau einen Freibetrag in Höhe von EUR 500.000 und die Kinder hätten einen Freibetrag in Höhe von jeweils EUR 400.000.

 

 

Fall 2

Der Mann hinterlässt seiner Familie (Frau, Sohn, Tochter) ein Vermögen in Höhe von EUR 1.500.000. Der Mann konnte aufgrund seiner akademischen Ausbildung und seiner beruflichen Karriere ein großes Vermögen bei einer Privatbank erwirtschaften. Auf tragische Weise ist er jedoch im Urlaub an einer Malariainfektion verstorben.

 

Auch hier wird das Vermögen wie in Fall 1 aufgeteilt. Die Frau hat Anspruch auf 50% und die beiden Kinder bekommen jeweils 25%. Damit erhält die Frau EUR 750.000 und die Kinder jeweils EUR 375.000. Der Grundfreibetrag der Frau beträgt EUR 500.000. Damit muss sie EUR 250.000 versteuern. Der Grundfreibetrag der Kinder liegt bei jeweils EUR 400.000 und damit sind die vererbten Vermögen bei den Kindern steuerfrei. Als frischgebackene Witwe hat die Frau Anspruch auf die Steuerklasse I, da diese für Ehegatten, Lebenspartner, Kinder, Enkelkinder, Stiefkinder, Adoptivkinder und Großeltern reserviert ist. Das steuerpflichtige Vermögen liegt bei EUR 250.000 und damit kommt ein Steuersatz in Höhe von 11% zum tragen. Somit hat die Frau EUR 27.500 Steuern zu zahlen.

 

Fall 2 Variante 1

Wir schauen uns nun den selben Fall, aber unter Berücksichtigung eines vorhandenen Testamentes an. Darin wurde geregelt, dass jeder zu gleichen Teilen erben soll. Das heißt, jeder soll EUR 500.000 erhalten. (3 Personen x EUR 500.000 = EUR 1.500.000 Erbmasse)

 

Die Ehefrau sowie die beiden Kinder erhalten jeweils EUR 500.000. Gemäß dem Pflichtanteilsrechts steht der Ehefrau die Hälfte des gesetzlichen Erbanteils zu. Gesetzlich hätte sie EUR 750.000 erhalten. Davon die Hälfte sind EUR 375.000 Mindestbeteiligung. Bei den Kindern sind es gesetzlich EUR 375.000. Davon die Hälfte sind EUR 187.500 Mindestbeteiligung. Somit ergibt die Prüfung, dass kein Pflichtanteilsrecht verletzt wurde und die testamentarische Regelung gültig ist. Jeder kann EUR 500.000 bekommen, ohne einen Anspruch auf Ausgleich gegenüber den anderen Erben zu haben. Bezüglich der Steuerfrage hat die Frau einen Freibetrag in Höhe von EUR 500.000. Sie muss also ihr Erbe nicht versteuern, da sich der Freibetrag genau mit dem Erbe deckt. Bei den Kindern sieht dies anders aus. Sie erhalten jeweils EUR 500.000 und haben einen Freibetrag in Höhe von EUR 400.000. Damit sind EUR 100.000 mit 11% in der Steuerklasse I zu versteuern. Dies ergibt einen Steuerzahlbetrag in Höhe von jeweils EUR 11.000.

 

In dieser Fallvariante ist deutlich erkennbar, was für Auswirkungen testamentarische Regelungen haben können. Nach der gesetzlichen Erbfolge wären die Kinder steuerfrei geblieben und die Ehefrau hätte Steuern zahlen müssen. In der Variante mit einem rechtsgültigen Testament muss die Frau keine Steuern zahlen wegen des höheren Freibetrages, jedoch müssen die Kinder nun Steuern zahlen. Es ist also ratsam, verschiedene Überlegungen aus Steuersicht anzustellen, bevor ein Vermögen auf die Verwandtschaft aufgeteilt wird. Fall 3 wird ein etwas komplexeres Vermögen und mehr Verwandtschaft berücksichtigen.

 

 

Fall 3

Familiensituation: Mann (verstorben), Frau, Sohn, Großmutter

Vermögen: EUR 6.000.000

Testament: alle drei sollen zu gleichen Teilen erben.

 

Als erstes muss wieder geschaut werden, ob das Pflichtanteilsrecht verletzt wurde. Die Frau hat Anspruch auf die Hälfte des gesetzlichen Erbanteils. Der gesetzliche Erbanteil währe EUR 3.000.000. Davon würden EUR 1.500.000 den Pflichtanteil ausmachen. Gleiches gilt für den Sohn. Die Großmutter hätte keinen Anspruch auf einen gesetzlichen Erbanteil, da die Großmutter zu den Erben 2. Ordnung gehört (Eltern des Erblassers) und Erben der 1. Ordnung (Mutter und Sohn) vorhanden sind. In unserem Beispiel sind keine Pflichtanteile verletzt, sodass jedes Mitglied der Familie je EUR 2.000.000 erben kann. Die Frau hat unter Berücksichtigung von EUR 500.000 Freibetrag ein Erbe in Höhe von EUR 1.500.000 zu versteuern. Der Steuersatz in Höhe von 19% in der Steuerklasse I ergibt einen Steuerzahlbetrag in Höhe von EUR 285.000. Der Sohn hat unter Berücksichtigung von EUR 400.000 Freibetrag ein zu versteuerndes Erbe in Höhe von EUR 1.600.000. Auch hier greift die Steuerklasse I mit 19%. Damit hat der Sohn EUR 304.000 Erbschaftssteuer zu zahlen. Die Großmutter hat einen Freibetrag in Höhe von EUR 100.000. Damit muss sie EUR 1.900.000 versteuern. Sie gehört ebenfalls zur Steuerklasse I und muss auf den Betrag 19% Steuern zahlen, was EUR 361.000 sind.

 

Es ist deutlich feststellbar, dass je weiter man vom Erblasser im Verwandtschaftsverhältnis entfernt ist, desto mehr Steuern muss man zahlen. Dies wird über die Steuerklassen gesteuert und über die Höhe der Freibeträge. Ehepartner haben den höchsten Freibetrag und anschließend folgt eine Abstufung der Freibeträge, je entfernter das Verwandtschaftsverhältnis ist. Gleichzeitig nehmen die Steuersätze zu, je weiter man vom Erblasser im Verwandtschaftsverhältnis entfernt ist. So wird sichergestellt, dass nahe Verwandte nicht so viel Steuern zahlen müssen und entfernte Erben mehr Steuern zahlen müssen. Bei betrieblichem Vermögen und Immobilien gibt es Sonderregelungen, welche in einem weiteren Artikel behandelt werden.

 

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